Wenn wir dem Glauben keinen Glauben mehr schenken..

..oder auch “Wenn Träumer in die Realität fallen”

So viele Dinge habe ich angefangen. Lange war ich begeistert von den asiatischen Kampfkünsten, vom Kochen, vom Getränke mixen, von der den verschiedenen Arten der Bewegung, vom Basteln, Werken und tüfteln. Ich war sehr scheu und verträumt, fast sogar etwas verschreckt, so wie ein kleines Kätzchen, doch auch genau so liebenswert, hilfsbereit, offen und lernaffin. Ich musste gerade daran denken, wie ich als 8-jähriger Junge damals mein erstes Buch las, ich der so eine Scheu vor den Buchstaben hatte. Sobald es etwas schwierig wurde, schreckte ich davor zurück.  Das Buch hatte 100 Seiten und ich schaffte es, das Buch innerhalb eines Nachmittags auszulesen, das machte mich so stolz!
Ich kann mich komischerweise auch noch daran erinnern, dass meine Eltern diese Freude nicht mit mir teilten, wieso wohl?
Ich kann mich sogar noch an den Inhalt erinnern: Die Hauptprotagonistin war ein junges Mädchen, in der Pubertät, die sich in den Häuptling einer Motorradgang verliebte. Die Geschichte hat mich so gefesselt und ich vergaß alles um mich herum.

Leider wusste ich meine Fähigkeit zu träumen, zu dieser Zeit noch nicht zu schätzen.
Mit dem Eintritt in die Hauptschule, begann für mich eine neue Welt: die Realität.
Bisher konnte ich den ganzen Tag vor mich hinträumen, verschiedenste Dinge ausprobieren, erforschen, lernen und meine eigenen Erfahrungen machen. Kurzum, ich durfte Kind sein.
Und wie ich mich dort als Träumer zurechtfinden soll, hatte mir niemand gezeigt.
Ich musste auf einmal ganz anders sein als ich es bisher war. Ich konnte niemandem mehr richtig vertrauen, denn jeder tat so als hätte sich nichts geändert. Es stand ein Elefant* im Raum, doch niemand sprach darüber. Und die Schule war dieser Elefant.
Ich sollte an dieser Stelle erwähnen dass ich meine ersten drei Volksschuljahre in einer alternativen Schule verbrachte, wo man sich selbst leben durfte. Das vierte Jahr war ich im häuslichen Unterricht bei meiner Mutter.

*

“Zwiespalt: Ist die Differenz zwischen Worten und Taten, je größer die Differenz desto nichtexistenter der Glaube” -Jakob Probst, 02/2018

Ich spürte in dieser Zeit wenig Empathie von meinen Eltern für meine Situation. Erklärungen warum das jetzt so ist, gab es aber genug.

Aber welche Erklärungen ein Kind auch bekommt, stimmen die Worte nicht mit den Taten des Erklärenden überein, ist es verlorene Liebesmüh. Zumindest solange das Kind noch bereit zu glauben ist. Denn sie glauben den Menschen dahinter und nicht den Worten die aus ihrem Mund kommen.

Meine Eltern sagten mir: Du musst leider in die Regelschule, dass ist nunmal so.

Was zu mir durchdrang: du musst dich jetzt selbst aufgeben und tun als wärst du anders, du kannst jetzt nicht mehr so sein wie du bist.

Sie hätte mich auch in den Armen halten können und sagen: Es wird eine schwere Zeit für dich und ich kann dir nicht helfen, aber ich glaube an dich und du wirst es schaffen!
Oder mich einfach nur in meiner Angst und Orientierungslosigkeit verstehen und  nichts sagen können.

So habe ich wahrscheinlich mit der Zeit aufgehört zu glauben.

Doch zurück zu meinem Anfang: Die Anzahl meiner Interessen wuchs, jedoch die Ausführung wurde immer weniger weil:

  • Ich glaubte mir selbst nicht
  • Dadurch isolierte ich mich von anderen und teilte meine Ideen nicht
  • Immer wenn ich ein neues Hobby anfing, verlor ich gleich wieder das Interesse, sobald es etwas schwierig wurde, da ich nicht glaubte es zu schaffen
  • Oft kam es auch gar nicht dazu dass ich es überhaupt ausprobierte, weil ich mir den Druck machte: Ich bin ja jetzt in der Realität und wenn ich etwas mache, muss das Hand und Fuß haben. Diese Erwartungshaltung und der Druck an mich selbst zerstörten jegliches “ausprobieren”.

Aus diesem Teufelskreis auszubrechen gelingt einem nur, wenn man wieder entdeckt, dass man an sich glauben kann. Idealerweise begegnen einem Menschen die auch an einen glauben. Denn sie machen dich aufmerksam auf dass was du übersiehst.

Mir war bis jetzt nicht bewusst dass ich nicht an mich geglaubt habe und damit auch den Glauben der anderen an mich gar nicht zulassen konnte. Fast alles was uns daran hindert unser Potential zu leben läuft leider unterbewusst und wir sind meist blind dafür. Wir suchen im außen nach Kompensation für unsere Unsicherheiten.

“Menschen wollen an Menschen glauben!”

Der Glaube ist etwas wesentliches. Als Kinder glauben wir den Eltern bedingungslos, dann den Lehrern und dann wem? Der Kirche? Dem Buddhismus?
der Universität? der Wissenschaft? Oder doch noch unseren Eltern? Unserer Firma? Unserem eigenen Unternehmen? Uns selbst? oder an das Gute? oder an das Schlechte? den Menschen?

Das was ich weiß, an das brauche ich nicht mehr zu glauben.
Denn Fakten sind Fakten, ich kann sie ignorieren und verleugnen, doch das ändert nichts an ihrer Tatsache, nämlich dass sie Fakten sind. Fakten sind kausal und allgegenwärtig, so wie all die anderen Naturgesetzte es sind.

Dass jedoch trotz ihrer beachtlichen Kraft, in unserer Informationsgesellschaft die Träume schwinden, darf eigentlich nicht verwundern, denn wenn Alles bekannt, erforscht und belegt ist, was soll man dann noch glauben? Womöglich spielt das eine kleinere Rolle, aber es spielt es eine.

Wenn ich jetzt zurückdenke, war Glaube für mich, immer etwas größeres als ich Selbst.

Glauben ist eine Fähigkeit und wer an nichts mehr glaubt, hat sein Leben schon aufgegeben, bevor es zu Ende ist. Das klingt zwar sehr hart, aber ich denke es ist die Wahrheit.

Ein von mir sehr beliebter Künstler, sagte in einem seiner Titel folgendes:

“The sky is falling the wind is calling

Stand for something or die in the morning” – Kendrick Lamar

Erst jetzt erkenne ich, wie meine träumerischen Gedanken, auch in der Welt der Erwachsenen Fuß fassen werden. Wie genau? Ein Schritt nach dem anderen. Ja wie genau jetzt? Ein Schritt nach dem anderen.

“A creative mind is an illiterate, concerning the word “limit” – Jakob Probst, 02/2018

Erst heute habe ich erkannt, dass ich an mich glauben kann. Dadurch konnte ich sehen wieviele Menschen an mich glauben: Meine Eltern, meine Schwestern, meine Freundin, meine Freunde. Alle wollen mir glauben, doch wie sollen sie an mich glauben wenn ich es nicht zuerst tue?

Wie würde die Welt aussehen wenn wir an uns glauben würden? Wir müssten nicht andere kleiner machen, nur damit wir uns besser fühlen. Wir würden uns gegenseitig inspirieren. Schöne Utopie.

An was glaubt ihr?

Grüße,

JP

PS: Es ist so viel schöner an sich selbst und an das Gute in den Menschen zu glauben, als an beidem zu zweifeln.


4 thoughts on “Wenn wir dem Glauben keinen Glauben mehr schenken..

  1. Und wieder geht mir das/die Thema/en unter die Haut…
    Geweint hab ich, über den harten Aufschlag in der Realität oder eher in der “anderen” Welt, der Regelschule. Kannst du dich noch erinnern? Als ich bereits das erste Jahr in der Regelschule war, warst du noch ein Jahr daheim im häuslichen Unterricht und ich habe beinahe täglich mit dir gestritten. Konnte diese Wucht nicht verarbeiten, war so gestört. Am schlimmsten für mich, der Umgang (Kinder, Lehrer) und das Aushalten müssen (bin völlig AUSGELIEFERT und unfähig meine Situation zu ändern), dieses entsätzlich lange Sitzen! Weg vom Mensch, hin zur Leistung. Am Anfang habe ich gar nicht begriffen warum die “so tun” wegen einer Schularbeit. Warum bitte nervös werden? Schnell hab ich dazugelernt und mir blieb nicht erspart auch vom Sog der Bewertungen vereinnahmt zu werden, war bald mittendrinn im “so tun”…

    Durch das lesen deiner Texte wird mir klar, wie wenig ich dich kenne. Es ist sehr bewegend dich zu lesen, ich finde sehr viele ähnliche Erfahrungen.

    Das Resultat von diesen Erfahrungen und in weiterer Folge des HAK-Schulbesuchs ist bei mir ähnlich. Gerade während ich diese Zeilen schreibe, frage ich mich, ob nicht diese Schlüsselerfahrung des “etwas aushalten müssen und nicht fähig sein etwas zu verändern” nicht ua. dazu geführt hat solange in der HAK zu bleiben, obwohl es mir da so schlecht ging. Hab ich den äußeren Druck übernommen und mir selbst zugefügt?
    Was von der einstigen Räuberhäuptlingin übrig geblieben war, war verschwindend gering. Oder war da überhaupt noch etwas?
    Was nun? Nun… nun ausgraben, Trümmer wegräumen, tiefer graben… zu Emotionenen, ausbrechen lassen, trauern, im besten Falle ziehen lassen… am besten im Kreise vertrauter Freunde/Familie. Und Stück für Stück kommt wieder zutage was ich schon vergessen hatte. Ein Selbst, das abgelöst worden war durch ein sehr kleines, verunsichertes, zerbrechliches Mini-Selbst.
    Zwischen Trümmern und Dreck strahlt mir nun immer wieder etwas vom diesem verschütteten, großartigen Selbst entgegen, das mich weitermachen lässt. Die Tränen und den Schweiß dafür nehm’ ich in Kauf! – Ja, selbst während des Schreibens…

    Liked by 2 people

  2. Lieber Wenn Träumer In Die Realität Fallen,
    liebe Räuberhauptlingin,

    1. “Wie würde die Welt aussehen, wenn wir an uns glauben würden?”

    “Wir müssten nicht andere kleiner machen, nur damit wir uns besser fühlen.
    Wir würden uns gegenseitig inspirieren.
    Schöne Utopie.”

    Das “Größer-Kleiner-Dilemma” – wann beginnt es und wann/wo hört es auf?
    Wenn wir an uns glauben, gibt es “größer” und “kleiner” als beschreibende Realitäten und nicht als psychologische Zuordnungen.
    Jemanden kleiner/größer machen wollen = jemanden unterwerfen wollen/sich jemandem unterwerfen wollen; in beiden Fällen liegt der Grund für das “Sich besser fühlen Wollen” außerhalb vom Selbst = Selbstbetrug.

    Das ist mir durch deine Überlegungen jetzt wieder etwas klarer geworden und erneut sind Bilder vom Leben in der Dorfschule vors Auge getreten: Deine “schöne Utopie” war damals lebendig. im täglichen Übungsfeld der wechselseitigen Inspirationen im Dorfschulgelände …

    2. “Geweint hab ich, über den harten Aufschlag in der Realität oder eher in der
    „anderen“ Welt… … Konnte diese Wucht nicht verarbeiten …”

    … „etwas aushalten müssen und nicht fähig sein, etwas zu verändern“ …
    Was von der einstigen Räuberhäuptlingin übrig geblieben war, …

    Ich spürte damals eure Not und konnte doch nichts mehr dagegen tun…denn:
    So ähnlich war es auch mir ergangen, nachdem ich nach dem Dorfschulaus wieder in der Regelschule (reales Gefühl von Hölle) eingestiegen war: Meine intensive Benommenheit (Schwindel) dauerte ca. zwei Jahre und dann langsam, schwächer werdend, weitere 10 Jahre an, so lange, bis die Kompensationen (neue Lernformen in der RS erproben, neue Interessen, Einzelkämpfertum, …) so stark geworden waren, dass der Schmerz über den Verlust des Paradieses fast nicht mehr spürbar gewesen war…

    “Zwischen Trümmern und Dreck strahlt mir nun immer wieder etwas vom diesem verschütteten, großartigen Selbst entgegen …”

    So weit bin ich noch nicht genesen, aber doch auch auf dem Weg dahin, – sagt mir mein Gefühl. Der Schutt, der auf meinem verschütteten Selbst lastet, wird wohl etwas angehäufter und abgestandener sein?

    Danke für eure Zeilen!
    Da kann auch bei mir/uns noch was heilen.

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    1. Es ist nie zu spät paps!
      Wie groß dein Trümmerhaufen sein wird spielt keine Rolle. Lenke deinen Fokus auf die Variablen die in deinem Einflussbereich liegen. One step at a time! Und du kannst dich ja jederzeit melden.
      Ich bin stolz dein Sohn zu sein!

      Liked by 1 person

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